Entblödung
Sehr geehrter Herr Nelles.
Seit Oktober 2009 sind Sie beim SPIEGEL Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros bei SPIEGEL ONLINE. Seit März 2011 sind Sie Mitglied der Chefredaktion. In welcher dieser Funktionen Sie heute diesen wahrhaft blöd-sinnigen Kommentar zum Thema »Ehrensold für Wulff« verfasst haben, weiß ich nicht. Fakt aber ist: Er gehört widersprochen – gehörig widersprochen.
Sie schreiben:
… in denen Bürger gegen ihren Ex-Präsidenten pesten …
Lieber Herr Nelles, zuerst einmal: ein etwas gepflegteres Deutsch bitte. Auch wenn Ihre Karriere bei Axel Springer begann. Sodann:
… kollektive deutsche Neidkeule …
Das steht zu beweisen. Für mich sieht es eher danach aus, als zeige sich bei den Deutschen in dieser Sache ein sehr gesundes Empfinden für so altmodische Dinge wie Anstand, Schicklichkeit und Würde.
Man kann darüber diskutieren, ob der Ehrensold von 199.000 Euro pro Jahr angemessen ist. Man kann auch darüber streiten, ob Christian Wulff Anspruch auf ein Büro und eine Sekretärin haben muss. Aber genug ist genug.
Ja was nun, lieber Herr Nelles. Kann man oder kann man nicht? Derzeit diskutiert man. Sie sagen: man kann. Und gleichzeitig sagen Sie, man kann nicht: Es sei genug. Was soll denn nun gelten?
Die Versorgung entspricht der geltenden Gesetzeslage …
Steht doch gar nicht zur Debatte, hat niemand bestritten. Gegen welches Phantom argumentieren Sie hier?
Wulff stehen diese Bezüge zu.
So richtig wie falsch. Ja, juristisch stehen sie ihm vielleicht zu (es sei denn, die dummdreiste Begründung des Bundespräsidialamts, Wulff sei aus »politischen«, nicht aus persönlichen Gründen zurückgetreten, wird revidiert).
Nein, aus Sicht des Anstands stehen sie ihm nicht zu. Wie Sie ja selbst erkannt haben, Zitat: »Natürlich wäre es klüger, schöner, besser, er würde von sich aus auf einen Teil der Einnahmen verzichten.« Ihr Denkfehler aber ist:
Pacta sunt servanda.
Nein. Verträge müssen nicht generell eingehalten werden, insbesondere nicht im solch einem Fall, in dem der eine Vertragspartner ausschließlich Leistender, der andere ausschließlich Empfangender ist.
Wulff kann von keiner Macht der Welt dazu gezwungen werden, den Vertrag einzuhalten: Selbstverständlich kann er, ohne auch nur im Geringsten vertragsbrüchig zu werden, die Einhaltung des Vertrages verweigern – und auf die versprochene Leistung verzichten (oder sie an jemanden weiterleiten, der sie verdient).
Bundespräsident, Kanzler, Minister, auch Abgeordneter, das sind Fulltime-Jobs und sie sollen von Top-Leuten ausgefüllt werden.
Gut gebrüllt, Löwe. Jetzt verstehen Sie wieder. Genau darum geht es. Um das »Top«.
Die Debatte hat Maß und Mitte verloren.
Ich denke eher, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Debatte zieht immer engere Kreise um den eigentichen Kern des ganzen Geschehens: Welches Persönlichkeitsprofil muss ein Mensch vorweisen, der ein solches Amt bekleiden will, in Deutschland? Klein wenig bin ich stolz auf dieses Land – welches sich keine Mittelmäßigkeit leisten möchte. Wenigstens keine so offensichtliche. Wenigstens nicht an dieser Position.